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Julia Klöckner – Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft – eröffnete mit ihrer Keynote die Digital Farming Conference 2019. In ihrer Rede vor den rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern erklärte die Ministerin ihre Vision der digitalen Landwirtschaft. Hier gibt es die Eröffnung im Wortlaut.

Julia Klöckner: "Ich will, dass Deutschland eine Führungsrolle bei der digitalen Landwirtschaft einnimmt"

Die Rede von Ministerin Julia Klöckner zur #dfc19-Eröffnung im Wortlaut

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn ich hier in den Saal schaue bin ich beeindruckt. Nicht nur, weil er so gut gefüllt ist, sondern vor allem mit wem er gefüllt ist. Wenn ich in den Saal blicke, dann sehe ich Vertreter der Agrarwirtschaft, unserer Landtechnikunternehmen, von Agrarpolitik und Verbänden.

Doch ich sehe eben auch Vertreter von neuen, innovativen Startups, Unternehmen der Digitalwirtschaft, der Wissenschaft und Forschung und von Industrieunternehmen, die man im ersten Moment vielleicht nicht auf einer Konferenz zur Landwirtschaft erwarten würde. Das zeigt mir vor allem eins: Sie haben alle erkannt, was für ein ungeheures Potenzial in der Digitalisierung für die Landwirtschaft steckt. Hier entsteht etwas Neues und etwas Großes.

Die Landwirtschaft ist die wichtigste Branche. Denn sie macht uns alle satt. Zumindest hier in Europa, in anderen Teilen der Welt sieht das leider immer noch ganz anders aus. Und die Weltbevölkerung wächst weiter. Gleichzeitig muss die Landwirtschaft noch nachhaltiger werden. Wir werden in Zukunft mehr Nahrungsmittel mit weniger Ressourceneinsatz erzeugen müssen. Dafür braucht es neue Technologien. Und die Digitalisierung bietet dabei neue Möglichkeiten.

Automatische Melksysteme erleichtern den Bauern die Arbeit, überwachen gleichzeitig die Milchqualität und überlassen es den Kühen, wann sie zum Melken kommen wollen. Der Gesundheitszustand und die Milchqualität wir dem Bauer dann direkt aufs Handy geschickt. Das ist gut für den Menschen, gut für die Tiere und gut für die Lebensmittelqualität.

Firmen entwickeln Roboter, die über die Felder fahren und dabei Unkraut beseitigen. Drohnen werfen über Feldern Kapseln mit Nützlingen ab. So reduzieren wir Pflanzenschutzmittel oder können ganz darauf verzichten. Sensorgestützt kann viel genauer und gezielter bewässert werden. Das hilft beim Umgang mit den Folgen des Klimawandels. Blockchain-Technologie kann die Rückverfolgbarkeit und Transparenz in der Lebensmittelkette verbessern. Das sind nur wenige Beispiele, mit denen ich das große Potenzial deutlich machen möchte.

Ich will deshalb, dass Deutschland eine Führungsrolle bei der digitalen Landwirtschaft einnimmt. Schon heute ist Deutschland bei moderner Landtechnik führend. Ich will, dass das auch im digitalen Zeitalter so bleibt.

Doch die Digitalisierung geht über die Vernetzung von Maschinen weit hinaus. Es geht die Optimierung der gesamten Lebensmittelkette. Regional – und global. Wir wollen den globalen Rahmen mitgestalten. Deshalb lassen sie mich zunächst skizzieren, was wir hier tun, und anschließend, was wir auf der internationalen Ebene einbringen.

Mir ganz wichtig, dass wir immer den tatsächlichen Nutzen vor Augen haben. Dazu braucht es Wissen, Fakten. Deshalb haben wir unsere Forschung auf die Digitalisierung ausgerichtet. Wir werden in den kommenden Jahren eine Reihe von Forschungsvorhaben mit digitalem Bezug finanziell unterstützen. Wir werden uns in die KI-Strategie der Bundesregierung intensiv einbringen.

Aber wir haben auch bereits eigene zusätzliche Finanzmittel bereitgestellt. Bis zum Jahr 2022 sind alleine 60 Millionen Euro für die Digitalisierung in der Landwirtschaft eingeplant. Einen erheblichen Teil dieses Geldes verwenden wir für die Etablierung der digitalen Experimentierfelder. Denn wir wollen draußen, in der Praxis, herausfinden, wie Digitalisierung vor Ort ganz konkret funktionieren kann. Wie digitale Techniken optimal zum Schutz der Umwelt, des Tierwohls, der Biodiversität und der Arbeitserleichterung eingesetzt werden können. Aber auch wo Hemmnisse bestehen, beispielsweise bei der Infrastruktur oder wo Schnittstellen zwischen Maschinen unterschiedlicher Hersteller fehlen.

Ausgewählte Skizzeneinreicher wurden inzwischen zur Antragstellung aufgefordert. Ich bin ganz begeistert, was da alles dabei ist. Von optimiertem Pflanzenschutz über Wertschöpfungsketten für kleinstrukturierte Gegenden bis hin zu Tierwohl. Wir werden beispielsweise erforschen, wie man mithilfe von Sensoren Wassermangel bei Pflanzen überwachen und monitoren kann. Wir wollen überprüfen, wie Fernerkundungstechnologien und Geodaten im Pflanzenbau genutzt werden können. Und es geht darum zu analysieren, welche Vorteile Digitalisierung, Modellierung und Datenmanagement für die Tierhaltung bringen können – insbesondere bei der Früherkennung von Krankheiten oder beim Geburtenmanagement. Diese Experimentierfelder werden wir also im Laufe diesen und Anfang nächsten Jahres etablieren.

Dazu kommt dann ein Kompetenznetzwerk, das wir einrichten, damit sich ein Gesamtbild ergibt. Es wird 25–30 Mitglieder haben. Die setzen sich zusammen aus den Sprechern der Experimentierfelder und weiteren Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft. Dieses Kompetenznetzwerk wird dann die Ergebnisse der Arbeiten aus den Experimentierfeldern zusammenzufassen. Und außerdem darüber hinaus die aktuelle Entwicklungen der digitalen Landwirtschaft analysieren. Daraus wird es uns dann konkrete Vorschläge für die Politik machen.

Aber nicht nur bei der Förderung kann die Politik wichtige Aufgaben übernehmen. Wir wollen dafür sorgen, dass Daten, die mit öffentlichem Geld generiert werden, auch praxistauglich bereitgestellt werden. Ich denke da etwa an Geodaten, Ergebnisse von Sortenprüfungen oder Anwendungsbestimmungen von Pflanzenschutzmitteln. Hierzu will ich mit den Ländern verstärkt Gespräche führen, da sich viele Daten in ihrer Hoheit befinden.

Es ist dann Aufgabe der Wirtschaft, aus diesem Angebot konkrete Lösungen für die Land- und Ernährungswirtschaft zur Verfügung zu stellen. In dem Zusammenhang haben wir Ende April ein Forschungsvorhaben zu einer digitalen Agrarplattform ausgeschrieben. Es soll uns Klarheit bringen, welche digitalen Daten in welcher Form die Land- und Ernährungswirtschaft braucht und was wir davon zur Verfügung stellen können.

Aber nicht nur national, auch international engagiert sich das BMEL für das Thema. Im Rahmen der elften Agrarministerkonferenz hier in Berlin haben wir im Januar mit Landwirtschaftsministerinnen und -ministern aus 74 Nationen darüber beraten, wie wir zentrale Bereiche der Landwirtschaft mithilfe der Digitalisierung stärken können.

In einem ersten Schritt wollen wir einen „Internationalen Digitalrat für Ernährung und Landwirtschaft“ schaffen. Die FAO, die Welternährungsorganisation der Vereinigten Nationen, wird das Konzept für die Errichtung des Digitalrats erarbeiten und dabei internationale Organisationen, zum Beispiel die Weltbank und das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, sowie weitere wichtige Stakeholder einbeziehen. Und wir werden die FAO hierbei finanziell unterstützen.

Lassen Sie mich erklären, was wir uns unter dem geplanten Digitalrat vorstellen: Der Digitalrat soll die internationale Zusammenarbeit im Bereich der Digitalisierung stärken. Er soll Hilfestellung leisten, wichtige Trends frühzeitig erkennen und Lösungsansätze entwickeln. Er soll sich mit Fragen der Regulierung aus Sicht der Land-wirtschaft beschäftigen, zum Beispiel mit Blick auf Datenrechte, -zugang und -nutzung. Es geht darum, Empfehlungen an die zuständigen Regulierer auf nationaler, supranationaler und internationaler Ebene auszusprechen.

Die Digitalisierung ist für mich ein Schlüssel für die weitere Entwicklung der Agrarwirtschaft in den kommenden Jahren. Sie bietet uns die Instrumente für mehr Tierwohl, für mehr Nachhaltigkeit, für mehr Transparenz, Lösungen zu finden, die sich nicht im Entweder-oder-Modus bewegen, sondern im Sowohl-als-auch. Sie bietet Lösungen für die Stärkung von Regionalität genauso wie Lösungen für eine verantwortungsvolle Internationalisierung. Deshalb wünsche ich Ihnen eine erfolgreiche Konferenz. Und ich freue mich darauf, mit Ihnen allen gemeinsam die Chancen der Digitalisierung zu nutzen!

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